Aktuelle deutsche Produktionen im Kino
Kinokritiken September und Oktober 2007

Die Filmkritiken von
von TILL GRAHL und ROMAN KLINK (HAIRSPRAY)

KREUZZUG IN JEANS
JAGDHUNDE
FREE RAINER-DEIN FERNSEHER LÜGT
TRADE-WILLKOMMEN IN AMERIKA
HAIRSPRAY



KREUZZUG IN JEANS


Heimische Gefilde im Kino zu sehen, ist immer wieder ein Erlebnis. „Kreuzzug in Jeans“, der nach der gleichnamigen Kinderbuchvorlage von Thea Beckman entstand, wartet unter anderem mit Aufnahmen aus dem Fraunhofer Institut Dresden und der Sächsischen Schweiz auf, und macht den Film für das lokale Publikum deshalb umso interessanter.
Weil der 15-jährige Dolf bei einem wichtigen Fußballturnier einen dummen Fehler gemacht hat, der die Niederlage seiner Mannschaft zur Folge hatte, schleicht er sich in das Forschungslabor seiner Mutter, um mit dem dort stehenden Prototypen einer Zeitmaschine in die Vergangenheit zu reisen und diesen Fehler auszumerzen. Statt in der Halbzeit landet er jedoch im Mittelalter, wo er in die Wirren des Kinderkreuzzuges von 1212 gegen das von den Sarazenen besetzte Jerusalem gerät. Dolf schließt sich der Kinderschar an und wird bald zu deren Anführer, weil er durch heute selbstverständliches Wissen – etwa um die Wirkung von Wiederbelebungsmaßnahmen – schnell wie ein Heiliger erscheint. Er hegt Zweifel am Sinn der Kreuzzuges und ahnt die Gefahr, in die der fanatische Pater Anselmus die Kinder schicken will. Dolf bleibt nicht viel Zeit, um die Pläne von Anselmus offenzulegen und selbst wieder ins 21. Jahrhundert zurückzukehren.
Mit Fördermitteln reich bedacht und bei der diesjährigen Berlinale uraufgeführt, ist der Film ein gutes Beispiel, wie die heimische Filmlandschaft tatsächlich von internationalen Produktionen profitieren kann. Leider lässt sich das vom Auswertungssektor nicht behaupten: Da der erhoffte Fördermittelregen hier ausblieb, ist der Verleih MFA nicht bereit, den Film in angemessenem Umfang in die Kinos zu bringen, sondern lässt den Streifen lieber untergehen, nur um ja nichts zu riskieren. Und das, obwohl der Film in den Niederlanden ein Kassenhit und der erfolgreichste Kinderfilm aller Zeiten wurde. Schade eigentlich.


KREUZZUG IN JEANS
Bester Kinderfilm der Niederlande und Teilnahme bei der Berlinale 2007 GENERATION.
D/NL/GB 2006
Regie: Ben Somb
ogaart
Genre: Kinderfilm
FSK: 12
Länge: 120 Minuten
Originaltitel: Crusade in Jeans 

Internet: www.crusadeinjeansthemovie.com

Kinostart: 27. September 2007





JAGDHUNDE

Ein Hochzeitshotel sollte es werden! Ein Ort, an dem sich frisch Verliebte näher kommen und das neue, gemeinsame Leben genießen können. Doch dahin ist es noch ein langer Weg, denn Lars und sein Vater Henrik haben noch sehr viel Arbeit vor sich, um den abgeschiedenen Bauernhof mitten in der Uckermark umzubauen. Von den Einheimischen werden die beiden für diese Idee eher belächelt und gemieden. Doch auch die Kommunikation zwischen Vater und Sohn scheint gestört, Gespräche gibt es nur selten, Konflikte werden meist ignoriert und Probleme nicht ausgesprochen. Da scheint es geradezu absurd, dass sich Lars ausgerechnet mit der stummen Marie so gut versteht und kommuniziert. Wenn er mit ihr in der Natur unterwegs ist, scheinen die beiden eine Lösung für all seine Probleme zu finden – selbst, als er kurz vor Weihnachten sowohl seinen Vater, als auch die plötzlich angereiste Mutter bei einem Seitensprung erwischt.
Die eindringliche Familiengeschichte im Schnee der ostdeutschen Provinz zeigt Menschen, die voller Hoffnung aus der Stadt kommen, aufs Land gehen und dort nicht hinpassen, ohne ein bedrückender Milieufilm über den Osten zu sein. Kleines, feines Kino.


JAGDHUNDE
Deutschland 2007
Autor: Marek Helsner
Regie und Co-Autor: Ann-Kristin Reyels
mit Josef Hader, Constantin von Jascheroff, Luise Berndt
FSK: 6
Internet: www.jagdhunde.zauberlandfilm.de

Kinostart: 18. Oktober 2007





FREE RAINER-DEIN FERNSEHER LÜGT

Im Seichten kann man nicht ertrinken“ sagte einst RTL-Geschäftsführer Helmut Thoma über die Programmgestaltung. Im Seichten vielleicht nicht, in der vom Fernsehen verbreiteten Dummheit allerdings schon. Dennoch springen die Deutschen jeden Tag aufs Neue mit Begeisterung in den TV-Sumpf und dümpeln im Durchschnitt täglich 4 Stunden (!) darin herum.
Rainer (Moritz Bleibtreu) ist einer dieser Fernsehproduzenten, die sich immer neue TV-Formate aus den Fingern saugen, um ein möglichst großes Stück des Quotenkuchens zu erhaschen. Doch Befriedigung erfährt er dadurch nicht. Im ständigen Koks- und Wodkanebel irrt er von einer Preisverleihung zur nächsten. Erst als er von einem Jeep von der Straße gerammt wird, findet er den Weg zurück in die Realität: Der „Unfall“ war gar keiner, sondern ein Racheakt der jungen Pegah, die ihren von den Medien in den Selbstmord getriebenen Vater rächen wollte. Die beiden schließen sich zusammen und wollen die Quoten manipulieren, um zu beweisen, dass es das Publikum nach echter Unterhaltung und nicht nur nach Titten, Tuningshows und Telefonrätseln gelüstet. Das gelingt auch, und schon bald feiert das Feuilleton den „geistigen Frühling“ und das Ende des TV-Terrors. Doch Rainers ehemaliger Chef kommt ihm auf die Schliche. Sein Angebot: Entweder sein Sender ist in Zukunft immer Quotenkönig, oder er ruft die Polizei. Das Ganze würde er sich sogar 1 Million EUR kosten lassen. Ist das das Ende der Revolution?



FREE RAINER-DEIN FERNSEHER LÜGT
Deutschland 2007, 129 min
Regie: Hans Weingartner
Drehbuch: Katharina Held, Hans Weingartner
mit Moritz Bleibtreu, Elsa Sophie Gambard, Milan Peschel, Gregor Bloéb
FSK: beantragt ab 12 Jahre
Internet: www.freerainer.de

Kinostart: 15. November 2007






TRADE-WILLKOMMEN IN AMERIKA

Hier in Wittenberge ist für Yella nichts mehr zu holen: Die Firma ihres Mannes Ben, in der sie angestellt war, ist genauso gescheitert wie ihre Beziehung zu ihm. Jetzt sucht sie ihr Glück im Westen, wo es Arbeit und eine glückliche Zukunft für jedermann geben soll.
Kaum dort angekommen, lernt sie den Geldanlagenberater Philipp kennen. Er bietet ihr an, für sie zu arbeiten, und schon bald hat Yella wieder Arbeitgeber und Lebenspartner in einem. Der gerissene Geschäftsmann entpuppt sich jedoch bald als Betrüger, der seine Auftraggeber über den Tisch zieht. Aber zu Ben, der bereits einen Plan für einen Neuanfang geschmiedet hat, will sie auch nicht zurückkehren. Also beschließt Yella kurzerhand, über die unlauteren Machenschaften ihrer neuen Liebe hinwegzusehen und ihren Traum vom Glück im Westen wahr werden zu lassen. Christian Petzolds Film erntete bei der diesjährigen Berlinale viel Beifall und brachte Nina Hoss den Silbernen Bären für die beste weibliche Hauptrolle ein.


TRADE-WILLKOMMEN IN AMERIKA
USA2007, 119 min, 35 mm
Ein Film von Marco Kreuzpaintner
Drehbuch: Jose Rivera
mit Kevin Kline, Alicja Bachleda-Curus, Paulina Gaitan

Kinostart: 18. Oktober 2007





HAIRSPRAY

Einen wie die Titel gebende Figur Karger kennt vermutlich jeder: Er ist der Typ in der ewigen Jeansjacke, Ende Dreißig. Keiner von gestern, aber auch alles andere als ein moderner Mensch. Modern – das war er nur in den 80ern, als er im Osten wochentags in einem Kombinat schuftete und an den Wochenenden auf Konzerten vermeintlich subversiver Bands abhing.
Mit der Wende hat sich sein Leben, nicht jedoch seine Einstellung dazu geändert: Seine Frau Sabine will sich von ihm scheiden lassen, die Ehe ist schon lange hinüber. Doch am Tag der gerichtlichen Trennung kommen sich die beiden wider Erwarten noch einmal näher. Was für Sabine nur ein abenteuerlicher Augenblick war, ist für Karger die Hoffnung auf einen Neuanfang. Naiv und stur zugleich, versucht er für sich und für die gemeinsame Tochter die
Illusion einer intakten Familie aufrecht zu erhalten.
Als auch noch das Stahlwerk, in dem Karger arbeitet, schließen muss, findet sich Karger in einer vollkommenen Leere wieder, aus der ihm auch die überstürzte Beziehung zu einer flüchtigen Bekanntschaft nicht rettet.


KARGER
Deutschland 2007, 88 min
Regie: Elke Hauck
FSK: ohne Altersbeschränkung

Internet: www.hairspraymovie.com

Kinostart: 6. September 2007





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