Filmproduktion
Schicksal Wille Adrenalin
Die Chemnitzer Spielfilmproduktion „Drei Patienten“
von MARKO RAMIUS
Niemand wollte es am Ende so recht glauben: Trotz widrigster Bedingungen und minimalen Budgets kam es am 4. Dezember 2010 im übervollen Chemnitzer Clubkino zur Premiere des mit 70 Minuten fast abendfüllenden Spielfilms „Drei Patienten“. Presse und Publikum zeigten sich beeindruckt vom hohen inhaltlichen und technischen Niveau der Produktion, die von der inzwischen zu einiger Bekanntheit gelangten Chemnitzer Filmwerkstatt realisiert worden war. Wie war ein solches Vorhaben in einem solch kleinen Rahmen möglich gewesen? Hatten sich die Maßstäbe für Low-(oder besser: No-)Budget-Produktionen damit ein ganzes Stück nach oben verschoben ?
Am Anfang stand wie immer eine Geschichte: „Drei Patienten“ erzählt vom Notarzt Matthias Kurowski (Stefan Wancura), der mühelos, schwerelos, teilnahmslos durch die Hektik des Medizinbetriebes und des Lebens im Allgemeinen zu gleiten scheint. Für all die Dinge, die er nicht verstehen kann, die zu kompliziert und zu widersprüchlich sind, hat er eine Lösung gefunden: Er trifft keine Entscheidungen mehr. Alles, was er tut, tut er rein nach Vorschrift. Nur dadurch kann er als Arzt und Mensch funktionieren. Doch dann tritt die junge Rettungsassistentin Hannah (Claudia Kraus) in seine wohlorganisierte Gleichgültigkeit. Sie und drei dramatische Fälle sollen Dr. Kurowski vor seine größte Herausforderung stellen.
Der recht komplizierte und eher abstrakte gedankliche Ansatz, der mit dieser Geschichte eine dramatische Form erfahren sollte, ist dabei der Folgende: Tagtäglich bewegen wir uns in einer Welt, die wir nicht verstehen und die uns immer komplizierter erscheint. Ein Schmetterling in Japan verursacht Stürme in der Karibik. Eine günstige Kaufentscheidung hier zwingt einen Arbeiter in Bangladesh in die Armut. Biosprit im Tank mag gut sein für die Atmosphäre, doch tausende Kilometer entfernt werden für dessen Anbau Regenwälder gerodet. Unendliche Möglichkeiten. Unendliches Chaos. Unendliche Verwirrung.
Die Hauptfigur des Films, Dr. Matthias Kurowski, hat dafür eine vermeintliche Lösung gefunden. Mit Patienten, die er gerettet hat, spricht er nicht, denn er will nicht wissen, was aus seinen Handlungen wird: War es gut, dem Krebspatienten noch einen Monat zu schenken oder nicht? Das hat er ins Außerhalb seiner Wahrnehmung verdrängt. Handeln und Behandeln folgen bei ihm ausnahmslos den vorgeschriebenen Wegen des Gesetzes, denn er will nicht verantwortlich sein, für nichts: Sollte man den alten, kranken Mann noch wiederbeleben oder nicht? Die Frage braucht sich Kurowski nicht mehr zu stellen, denn er hat seinen Handlungsspielraum abgetreten, indem er nicht darüber nachdenkt. Der Komplexität der Realität begegnet er, indem er sich ihr verweigert. So kann er überleben, so kann er sein Leben meistern, kann ihm alles fern bleiben, doch so wird er zugleich zum Unmenschen.
Dr. Kurowski steht also stellvertretend für viele von uns, die wir uns lieber aus allem heraushalten, abwarten, zögern und zaudern, Entscheidungen lieber delegie-ren vielleicht, weil uns die Welt zu groß und zu verwirrend scheint, weil wir keine eigenen Antworten haben auf die Fragen, die uns das Leben täglich stellt.
In dieser Geschichte ist es die unmittelbare Begegnung von Menschen, die ausschlaggebend ist für Veränderungen: Einige Individuen treffen sich scheinbar zufällig, sie erfahren etwas übereinander, sie fällen Entscheidungen für sich und ihr jeweiliges Gegenüber und sie helfen einander ohne dass einer von ihnen die ganze Welt verstehen muss. Kurowski kann am Ende nur einen der drei Patienten retten. Ob das, was er für die anderen beiden getan hat, richtig war, weiß er nicht. Und vielleicht muss er das auch nicht, solange er dennoch das tut, was ihm möglich ist trotz des Risikos, damit einen Fehler zu machen.
„Drei Patienten” will die Beschwernisse der Postmoderne in einen dramatischen Rahmen stellen, sie auf einprägsame Charaktere verdichten um letztendlich in eine vielleicht unvollständige, aber zumindest konkrete Haltung zu münden: Umso größer die Welt wird, umso wichtiger wird der Einzelne. So einfach diese „Botschaft“ am Ende klingen mag, so kompliziert war ihre Umsetzung. Das von Regisseur Klaus-Gregor Eichhorn geschriebene Drehbuch enthielt über ein Dutzend zum Teil nur schwer zu organisierende Drehorte, allein zehn Sprechrollen für professionelle Schauspieler sowie eine Vielzahl technisch hoch anspruchsvoller Szenen. Trotz Förderung durch die Sächsische Landesmedienanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien (SLM), das Kulturbüro der Stadt Chemnitz und einen nicht unerheblichen Einsatz privater Mittel, stand am Ende nur ein Budget von knapp 14.000 EUR zur Verfügung. Das wäre selbst für einen Kurzfilm noch sehr überschaubar gewesen, aber daraus nun einen Spielfilm, noch dazu auf so hohem Niveau realisieren ?
Da sich die eigentliche Technik zum Drehen und Nachbearbeiten von Filmprojekten in den vergangenen Jahren dramatisch verbilligt haben, waren also die Organisation eines engagierten und kompetenten Teams sowie die eigentliche Umsetzung der Szenerie die Herausforderung an den Produktionsstab um Ralf Glaser, Enrico Merkel und Autor/Regisseur Eichhorn. Dabei war ein Konstrukt besonders hilfreich, was im Laufe der letzten Jahr scheinbar immer mehr an Bedeutung verloren hatte: Das Regionale. Die Chemnitzer Filmwerkstatt feiert in diesem Jahr ihr zwanzigjähriges Bestehen und ist dementsprechend hervorragend in den kommunalen Strukturen vernetzt. Die daraus entstandenen Möglichkeiten müssen „nur“ intelligent organisiert werden und können dadurch Budgets im Hunderttausender-Bereich ersetzen.
Beispiel Cast: Mit den Städtischen Theatern gibt es einen großen kulturellen Akteur, aus dessen Umfeld viele interessierte und hochprofessionelle Schauspieler gewonnen werden konnten. Hinzu kamen „Ehemalige“ wie der als Student u.a. in Chemnitz ausgebildete bekannte Leipziger Akteur Peter Schneider („Berlin Calling“).
Beispiel Team: Kameramann Thomas Beckmann, Student an der HFF München, Oberbeleuchter Hendrik Reichel, Student an der DFFB, Cutterin Susanne Schiebler sowie der für‘s Sounddesign zuständige Erik Wiesbaum sind nur einige Beispiele für ehemalige „Filmwerkstättler“, die ihre ersten Gehversuche in dieser einmaligen Chemnitzer Institution unternommen hatten und auch noch nach Jahren ihrer Heimat treu sind und für eine geringe Gage an Projekten wie „Drei Patienten“ teilnehmen. Gleiches galt für Musiker Alexander Lörinczy, der auch zum verschworenen und familiären Kreis der regionalen freien Kunst- und Kulturszene gehört, in der man sich vernetzt anstatt sich zu behakeln.
Beispiel Drehumfeld: Nachdem die Kulturbürgermeisterin der Stadt Chemnitz, Heidemarie Lüth, die Schirmherrschaft über das Projekt übernommen hatte, waren Drehgenehmigungen im öffentlichen Raum, Zulassung von Blaulicht-Fahrten, Unterstützung mit Personal und Fahrzeugen durch die Polizei und die Freiwillige Feuerwehr etc. deutlich unkomplizierter zu organisieren. Das Klinikum Chemnitz stellte als großes städtisches Unternehmen komplett kostenfrei eine Vielzahl von Drehorten zur Verfügung. Rettungsfahrzeuge und Spezial-equipment wurden aus purer Begeisterung und Hilfsbereitschaft vom Deutschen Roten Kreuz in Zwickau zu äußerst günstigen Bedingungen ausgeliehen. Und zahlreiche kleinere und mittelgroße Unternehmen, die sich nicht finanziell engagieren konnten, halfen der Produktion mit Catering, Generatoren, Fahrzeugen etc. Diese Liste ließe sich noch um ein Vielfaches verlängern. Fakt ist: Gerade die Seltenheit von Filmproduktionen in einer Stadt wie Chemnitz machte wiederum ein Projekt wie „Drei Patienten“ erst möglich.
Die Dreharbeiten fanden an zwölf Tagen im bitterkalten März 2009 statt. Mit bewundernswerter Gelassenheit wurden die aufwendigen Nachtdrehs bei Minusgraden vom gesamten Team sowie insbesondere von den beiden Hauptdarstellern Claudia Kraus und Stefan Wancura ertragen. Auch schwerste Komplikationen, wie der kurzfristige Ausfall von Drehorten, der witterungsbedingte Abbruch ausgerechnet des mit Feuerwehr, Polizei, Crashcar und Autobahn aufwendigsten Drehtages sowie eine unerwartete Belastung des schmalen Produktionsbudgets konnten durch die Solidarität des gesamten Teams kompensiert werden. Die Nachbearbeitung des Films zog sich aus verschiedenen Gründen bis in den Dezember des vergangenen Jahres hin. Entstanden war ein Siebzigminüter, unabhängig entwickelt und produziert, der inzwischen bereits mehrfach in Chemnitz und Leipzig vor ausverkauften Kinosälen gezeigt wurde und den u.a. das Stadtmagazin „dreisiebeneins“ als „spannend, tiefgehend und überaus sehenswert“ lobte. Dem erschöpften aber glücklichen Team der Chemnitzer Filmwerkstatt bleibt zu hoffen, dass auch die Filminteressierten und -schaffenden anderswo dem Film aus der regionalen Kreativküche eine Chance geben und erleben, welche Kraft und welche Qualität Independent-Kino auch mit den schlechtesten Startbedingungen entwickeln kann.
Kontakt: www.filmwerkstatt.de
Trailer: www.gregoreichhorn.de/trailer.html