Von der Elbwiese zum Weinberg
Eine Liebeserklärung an die Stadt – acht Episoden von acht Dresdner Filmemachern
von ANDREA ROOK

Viele Filme haben mit Liebe zu tun. Manche mit der Liebe zu einer Stadt. Eine Liebeserklärung – das wollten auch acht Dresdner Filmemacher ihrer Stadt zum achthundertjährigen Bestehen zum Geschenk machen. „Die Idee kam mir vor drei, vier Jahren“, erzählt der Kameramann und Dokumentarfilmer Henrik Flemming. Doch es sollte kein Streifen werden, in dem „in der ersten Einstellung die Kamera über die Gründungsurkunde schwenkt und der Autor kenntnisreich die lange Reihe der Wettiner aufmarschieren lässt“. Da die Stadt eine Verknüpfung verschiedener Orte wie Straßen, Plätze, Gebäude ist und da sie nichts als toter Stein wäre ohne die Menschen und das komplizierte soziale Gewebe zwischen ihnen, sollte ein Gemeinschaftswerk von acht Dokumentarfilmern zu einem bestimmten Ort und eine spezielle Leidenschaft entstehen.

Wo die Liebe hinfällt, heißt es in einer Redewendung. Henrik Flemming, der in Potsdam-Babelsberg studierte und seit Jahren im MDR-Landesfunkhaus als Kameramann arbeitet, wollte immer aus Dresden weg. Ein schönes rotes Boot, das ihm die Mutter aus Prag mitbrachte, löste sich vom Strick und schwamm mit der Elbe fort. Der Fluss war geheimnisvoll in seinem Woher und Wohin und einer der dreckigsten in Europa. Der Tagträumer an den grünen Elbwiesen wollte Seemann werden, in das andere Deutschland ausreisen – dorthin, wo das rote Boot schon lange auf ihn wartete. Doch dann kam die Hoffnung auf Veränderungen und wenig später riss die Strömung alle mit sich, in ein Leben mit dickeren Schiffen, bunteren Farben, Gewinnern und Verlierern.

Henrik Flemmings Kurzfilm ist der persönlichste unter den acht Dresdner „Stadt.Ansichten“ und erzählt auf selten gesehene Weise von dem kleinen Leben und den großen Träumen in der DDR, ohne die erfüllten und unerfüllten Hoffnungen nach der Wende zu vergessen.

Marion Rasche, die unter anderem Chefdramaturgin im DEFA-Trickfilmstudio in Dresden und auf zahlreichen Festivals vertreten war, liebt den Trödelmarkt am Elbufer. Vor ihrer Kamera stehen ehemalige Bibliothekare, Tischdecken-Liebhaber, frustrierte Händler und Heine-Rezitatoren, die für einen Moment tief in ihre Biografie blicken lassen. In dem langen, geduldigen Blick auf die Gegenstände – Puppenköpfe, Grammophone, Fleischwölfe, Fahrräder – steckt so viel Ironie wie Melancholie. Liebe geht auch durch den Magen, weshalb Ralf Daubitz die Weinberge von Radebeul ausgewählt hat, deren Bedeutung in dem Wort „Kulturlandschaft“ zusammenschmilzt. In weiten Landschaftsbildern und berührenden Nahaufnahmen von knospenden Rebzweigen und wachsenden Trauben lässt er das Jahr eines Winzers passieren.

An den Mythos Dresden und die Liebe, die man nicht hinterfragt, nähert sich Heide Blums Kurzfilm. Sie porträtiert das Schauspielhaus und Tom Quaas, ihren Lieblingsschauspieler. Das Theater als Ort der Suche und unstillbaren Sehnsucht, seitdem das kleine Mädchen das Märchenspiel verlassen musste, weil sich die Bom
ber der Stadt näherten.

Tilo Schiemenz dokumentiert mit einer Kamera am Rande, wie er selbst im Alaunpark und im Straßenbahnhof Trachenberger Platz einen Film dreht. Eine Liebe ist der anderen wert, doch hier ist nicht ganz klar, was das mit Dresden zu tun hat.

Anders bei Bernd Kilian, der mit seinem 10-minütigen Stück von der Neustadt Abschied nimmt. Lange, unbewegliche Aufnahmen von Straßen und Gesichtern fangen ein Stück von der Wildheit des Szene-Viertels ein.

Konrad Hirsch stellt die Eckkneipe „Goldener Pfeil“ mit ihrer ockerfarbenen Zeitlosigkeit und treuen Stammgästen vor – eine andere Art Dresdner Kulturtradition.

Anne Mehler schließlich erzählt, wie in der Semper-oper zum ersten Mal seit Jahren wieder ein Opernball stattfindet, zu dem viel Prominenz anreist und am Ende eine weiße Kutsche vom Himmel schwebt.

Die Auswahl der Filmemacher ist nicht repräsentativ, sagt Henrik Flemming. Doch es gibt eben auch nicht viele in Dresden. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass die acht Sequenzen in Anspruch und Handwerk voneinander abweichen. Auf mehr als hundert Minuten dehnt sich der Streifen – möglich, dass weniger Episoden einen stärkeren Eindruck hinterlassen hätten. Doch zweierlei ist Henrik Flemming mit seinem mit insgesamt 67.000 EUR vonseiten der Stadt, der Sächsischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien und der Drewag geförderten Projekt gelungen: Die vereinzelt in der Stadt arbeitenden Kollegen zusammenzuführen und ein Honorar für ihre künstlerische Arbeit weiterzuleiten, was selten genug der Fall ist. Er selbst will übrigens nicht mehr aus Dresden weg. Und es sind nach wie vor die Elbwiesen, die für ihn „da sind, ohne dass ein Eintrag im Grundbuch“
nötig wäre.

Der Beitrag erschien am 6.12.2006 in den „Dresdner Neuesten Nachrichten”



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