Filmen verboten! – Wie bitte? Tja, vor zwanzig Jahren waren nicht nur mehr Birken auf den Dächern der Neustadt, das Spirituosenangebot im Kiez übersichtlicher und die Kohlen im Keller, sondern es gab dort auch ein paar längst in Vergessenheit geratene Gesetze. Wie dieses: Halt die Linse rein und möglichst versteckt in Nähe sowjetischer Kasernen. Hielt sich zum Glück im Zonenrandgebiet Neustadt kaum einer dran. Und so lassen sich heute noch die Dokumente der ersten Szene-Siedler bestaunen, die in den Achtzigern inmitten eines ruinösen Soziobiotops ihre ersten Regieversuche wagten.

Mit Super8 und 16mm-Kamera. Zappa-Soundsystem und Underground-Bettlaken-Projektionsshow. UND jeder Menge Neustadt-Originale vorm Objektiv. Die schönsten Relikte der alten neuen Tage der Neustadt haben wir für diesen Abend zusammen mit den Filmemachern neu kompiliert. Zu sehen sind Werke von Tilo Schiemenz, Wolfgang Scholz, Thomas Claus und Stefan Schilling.

Gäste: Tilo Schiemenz – Jürgen Rehberg (Kameramann Kohlenlothar, Tigerlilli) – Lothar „Kohlenlothar“ Heidemann – evtl. Thomas Claus

Termin: 16. Februar 2010 – 20 Uhr
Ort: SCHEUNE – Alaunstraße 36 – 01099 Dresden
Internet: www.scheune.org
Kartenpreise: 5/ 3 Euro

Filmprogramm

Kinder der Neustadt 1988
Super8-Mehrfachprojektion, 4minRegie: Stefan Schilling, Johann Anderson
Inmitten von Brachen, Abrisshäusern und Ruinen tobt das Leben. Die Kinder der Neustadt – anno 1988, eine Spezies für sich.

Pilgrim (1.Szene)
1992, 16mm, ca. 10min Regie: Tilo Schiemenz
Eine Filmgroteske über die alte Dresdner Neustadt – eine nach 1989 stehengebliebene, liegengelassene Stadt. Szene zum Thema “es mag sein, dass alles fällt.” Der Fall ist einen Spaß wert!

Kohlenlothar 1989/90, 16mm, 13min
Regie, Schnitt: Wolfgang Scholz Kamera: Jürgen Rehberg
Dokumentarfilm über den letzten Kohlenfahrer Dresdens, der die Braunkohlenbricketts noch mit dem Handwagen ausfährt. Bonjour Tristesse – oder der sozialistische Gang der Dinge im ältesten Stadtteil Dresdens.

Auf der Suche nach der verlorenen Stadt
1990, 35mm, 30min Regie: Thomas Claus Kamera: Christoph Stolle Schnitt: Heidrun Sünderhauf
Dresden-Neustadt, Sommer 1990 – in der Rothenburger Straße parken ein Wartburg und ein Trabant. Die Häuser sind baufällig, die Bewohner skeptisch und die Geschäfte leer: es herrscht „Nachwendezeit“. Ein halbes Jahr ist seit dem Fall der Mauer vergangen, die ersten freien Wahlen liegen erst ein Vierteljahr zurück. Eine Gruppe junger Filmemacher des DEFA-Studios für Trickfilme begeben sich auf Spurensuche und begleiten Bewohner, Wirte und Künstler zwischen Währungsunion und Wiedervereinigung. Nicht umsonst wurde die 1. Bunte Republik Neustadt in dem Dresdner Stadtteil ausgerufen, der damals als Synonym für die Hoffnungen der „neuen“ Zeit galt. Hoffnungen, die sich schon damals als illusorisch herausstellen sollten.

Tigerlilli
1993, 16mm, 33min Regie: Tilo Schiemenz Kamera: Jürgen Rehberg
Frau Westhof war eine anstrengende Person, mit der Originalität einer Hexe. Aber wer weiß von ihrer Elfenzeit? Was weiß man überhaupt von einem Menschen wie ihr? Ein Mensch, der bald vergessen sein wird, da er es im Leben zu nichts gebracht hat. Eines läßt sich immerhin mit Sicherheit sagen: Frau Westhof hat ihre Eigenheiten behauptet. Der Film ist gemacht aus einem Unbehagen gegenüber jenem deutschen Konformismus, der Zwischentöne nicht zuläßt, der die Frage auf das “entweder oder” reduziert.